Ein Reiseblog über ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten und außergewöhnliche Orte

Bildschirmfoto 2018-04-27 um 11.48.08.png

Was ist „Schlafen und Staunen“?

Ein Reiseblog über außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten. Wir wollen Deutschland und die Welt entdecken und an Orten übernachten, die einfach ganz besonders sind. – Ungewöhnlich, spektakulär und wunderschön!

„Schlafen und Staunen“ gibt es auch auf Facebook und Pinterest.

Schweden IV (Vätternsee): Die Stuga in der Bonbon-Stadt

Schweden IV (Vätternsee): Die Stuga in der Bonbon-Stadt

Rot. Weiß. Minzig. Und zuckerzuckersüß. In Gränna dreht sich (fast) alles um „polkagris“ 

Rot. Weiß. Minzig. Und zuckerzuckersüß. In Gränna dreht sich (fast) alles um „polkagris“ 

Die rot-weiße Masse ist zäh, klebrig und lauwarm. Wieder und wieder rollt der Mann hinter der Theke sie über den Tisch. Zieht. Drückt. Rollt. Ganz vertieft. Dann sieht er auf. Lächelt. Löst drei kleine Stücke von der Masse ab und reicht sie uns. Das schmeckt süß. So wunderbar minzig. Frisch. Weich. Und warm. Und einfach gut.

Blick auf Gränna, der Bonbon-Stadt am Vätternsee

Blick auf Gränna, der Bonbon-Stadt am Vätternsee

Wir sind in Gränna. Der Bonbon-Stadt am Vätternsee. Mehr als zehn Bonbon-Kochereien – Polkagriskokeris – gibt es am Ort. Viele dort, wo sich eh Laden an Laden reiht: an der Brahegatan, der bunten und trubeligen Einkaufsstraße von Gränna. Dort gibt es kleine Geschäfte, Knäckebrot-Bäckereien und Cafés. So wie das Fiket, ganz im Stil der Fünfzigerjahre. Da kann man sitzen und auf Zeitreise gehen. Oder den Blick über den See genießen. Den Vättern. Den nach dem Vänernsee zweitgrößten See Schwedens. 

IMG_5713.JPG

Die bunten Zuckerstangen heißen auf Schwedisch „polkagris“. Es gibt sie in vielen Geschmacksrichtungen: von sauer bis karamellig, von fruchtig über schokoladig bis scharf. Minze mit Erdbeer ist der Klassiker.

Erfunden wurden die bunten Stangen von Amalia Eriksson (1824-1923). Als Kind hatte sie ihre Eltern und ihre fünf Geschwister bei einer Choleraepidemie verloren. Sie arbeitete Jahre lang als Hausmädchen, heiratete später den Schneider Anders Eriksson und mietete mit ihm ein kleines Häuschen in Gränna, an der Brahegatan. Dort brachte sie Zwillinge zur Welt, von denen nur eines die Geburt überlebte. Eine Woche später starb auch ihr Mann. Und Amalia, 35 Jahre alt, war Witwe und alleinerziehende Mutter. Wegen ihrer schwierigen Situation bekam sie eine Sondererlaubnis, als Frau ein eigenes Geschäft eröffnen zu dürfen. Grännas erste Polkagriskokeri. Fortan stellte sie nach einem Geheimrezept „polkagris“ her – und ging als „Tante Amalia“ in die Geschichte Grännas ein. Sie starb Anfang des letzten Jahrhunderts. Mit fast hundert Jahren. Und als eine der reichsten Frauen der Stadt.

„Unser“ historisches Häuschen

„Unser“ historisches Häuschen

Ein bisschen kann man es sich vorstellen, wie Amalia Eriksson gelebt hat, wenn man auch in so einem uralten kleinen Häuschen in Gränna wohnt. So wie wir. Ein online gebuchter Zufallsfund. Ein absoluter Glücksgriff: Helenas Häuschen an der Bergsgatan, einer Parallelstraße zur Brahegatan. Ein großer Raum, in dessen Mitte ein alter Kamin steht. Links ein Schlaf- und Wohnbereich. Rechts Küchenzeile und ein Esstisch mit Traumblick. Schaut man aus dem kleinen, weiß umrahmten Fenster durch die alten, dicken Scheiben, sieht man direkt die schmale Strasse, die sich wie eine Schneise durch die kleinen bunten Häuser zum Hafen hinunter zieht und an der kleinen Fähre endet, die zur Insel Visingsö fährt. Dahinter schimmert der See vor einer sanften, grünen Bergkulisse.

Das Häuschen in der Bergsgatan ist mehr als 300 Jahre alt. Und doch irgendwie neu. Mit Duschbad, Fußbodenheizung und modernen Elektrogeräten. „Früher hat darin eine Frau mit ihren acht Kindern gelebt. Olga hieß sie. Sie hat dann später das große Haus nebenan gebaut, in dem wir heute wohnen“, erzählt uns Helena, die Lehrerin ist und neben „unserer“ Stuga, so das schwedische Wort für Ferienhaus, noch ein weiteres Häuschen auf dem Grundstück vermietet. Das ist ein wenig einfacher, ganz aus Holz und mit einer lustigen Außendusche.

„Olga wurde 103 Jahre alt. Und ihr kleines Haus war früher ganz pink - erst wir haben es umgestrichen“, sagt Helena, die Olga noch kannte. „Ihr Mann wurde von allen Canada genannt, weil er mehrere Jahre dort gelebt hatte. Das Haus war ganz früher eine Brandy-Brauerei. Über Rohrleitungen wurde der Branntwein zur Brahegatan geleitet, wo er abgefüllt, mit Pferd und Wagen nach Jönköping gebracht und dort verkauft wurde. Olga hat mir viel über das alte Haus erzählt – sie hatte bis zuletzt einen glasklaren Verstand.“

Der Blick aus der Stuga zum See hinunter

Der Blick aus der Stuga zum See hinunter

Die Stuga grenzt an die selten befahrene Straße und hat eine kleine Sitzecke im Eingangsbereich. Außerdem dürfen wir die große Terrasse nutzen. Mit Spielhaus für unsere Tochter, gemütlichen Sonnenliegen und einem Panoramablick auf den Vätternsee. Der fläzt sich mit seinen 550 Kilometern Umfang zwischen Askersund im Norden und Jönköping träge in die bergige Landschaft. Der Vätternsee ist schmal und lang. Und im Süden bis zu 100 Meter tief. Er bildet die Grenze zwischen den Provinzen Västergötland und Östergötland, grenzt im Norden an die Provinz Närke und im Süden an die Provinz Småland.

Wir genießen die Sonne. Und fühlen uns ein bisschen wie im Süden. Am Mittag laufen wir zum Hafen hinunter, laufen die Mole entlang und trinken am See Kaffee. Danach entdecken wir die kleine Stadt mit ihren vielen bunten Holzhäusern mit prächtigen Rosenbüschen davor, den steilen Straßen mit Kopfsteinpflaster und bunten Fähnchen darüber und den Eingängen zu den Polkagris-Läden, deren Türrahmen wie rot-weiße Zuckerstangen aussehen.

Am Marktplatz steht das Gränna Museum, das an den Ingenieur und Polarforscher Salomon August Andrée erinnert, der aus Gränna stammte und auf seiner Polarexpedition 1897 ums Leben kam. Wir laufen über einen steilen Pfad den Gränna-Berg hinauf. Bleiben immer wieder stehen, um dieses Licht zu sehen. Diese Farben auf der Wasseroberfläche. Dieses Gemisch aus Sonne, Bergen, Wolken, Nebel, kleinen Wellen.

Den zweiten Gränna-Tag verbringen wir auf der Insel Visingsö, einer kleinen Welt für sich. Mit Kutschen, Kirchen und Kinderlachen. Am Tag unserer Abreise genießen wir noch ein letztes Mal den Blick aus Helenas Küchenfenster und gehen dann auf die Brahegatan und kaufen Mitbringsel. Drücken unsere Nasen an einer Fensterscheibe platt. Schauen zu. Sehen uns satt. – Die rot-weiße Masse ist zäh, klebrig und lauwarm. Wieder und wieder rollt der Mann hinter der Theke sie über den Tisch…

 

Mehr Infos zur Stuga in der Bonbon-Stadt Gränna findet ihr hier.

 

Für wen?

Familien, verliebte Paare, Alleinreisende – eigentlich ganz egal, nur gut zu Fuß sollte man sein, denn Gränna liegt an einem recht steilen Berg (daher die wundervolle Sicht auf den See). Vor allem aber ein Ort, für alle, die gerne in Erinnerung schwelgen und durch die Zeit reisen wollen: ob in der historischen Stuga, zwischen den alten Häusern der Stadt oder in Cafés wie dem Fiket.

 

Was ist in der Nähe?

Das Gränna Museum, die vielen Polkagriskokeris, in denen man häufig auch bei der Herstellung der Zuckerstangen und Bonbons zuschauen darf und natürlich die wunderschöne Vättern-Insel Visingsö. Außerdem führt der Wanderweg John Bauer Leden am Vätternsee vorbei, auf dem man auf den Spuren des Malers wandeln und wandern kann. Nur gut 30 Minuten von Gränna entfernt liegen Eksjö, eine der fünf schwedischen Hölzstädte, und in die andere Richtung das Freilichtmuseum Åsens by, ein Dorf rund 20 Kilometer nordöstlich von Jönköping.

Ein Reiseblog über ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten und außergewöhnliche Orte
Schweden V: Eine kleine Welt im Vätternsee

Schweden V: Eine kleine Welt im Vätternsee

Schweden III (Småland): Eine Waldhütte im echten Bullerbü

Schweden III (Småland): Eine Waldhütte im echten Bullerbü